Iron Man Teil 1 – der Aderlass

Iron Man? Schon wieder kommt dieser Typ mit einem Hollywoodschinken daher“, denkt bestimmt der eine oder die andere unter Euch. Gut, teilweise vielleicht auch zurecht. Denn ich hätte wirklich gerne so einen fliegenden Anzug wie Robert Downey Jr. in besagtem Actionfilm. Aber darum gehts hier nicht. Und Gedanke Nr. 2, dass ich eine Reise nach Hawaii mache und plötzlich bei dem härtesten Triathlon, genannt Ironman mitmache, ist zwar auch eine kalte Spur, die jedoch erst in einem der kommenden Kapitel genauer beleuchtet wird… (eines Vorweg: Ich bin auf einen verrückten Weltrekord gestoßen bin: Da hat doch tatsächlich einer die 30-fache Distanz eines Triathlons innerhalb von 45 Tagen bewältigt. Das sind ca. 200 KM Schwimmen, 5400 KM Radfahren und 1320 KM Joggen. Respekt!! Aber total Crazy.)

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Mein Iron Man-Moment
Iron Man
Voilà: Ich mitten unter Superhelden. Danach wurde die Tapete von mir eigenhändig entfernt. Damals half ich einem Freund beim Einzug in eine neue Wohnung und musste unbedingt vor dieser Superheldentapete posieren. Yes, I´m a NERD 😉

Nein, mein Iron Man-Moment ist nicht der auf dem Foto; der war später. Nach der Therapie, sehr vielen Bluttransfusionen, zwei Rehas und der langsamen Rückkehr in meinen Job wurde die Betreuung der Uniklinik etwas zurück geschraubt. Denn im Grunde ging (und geht) es mir gut und ich habe eine den Umständen entsprechend gute Lebensqualität erreicht und die „groben Arbeiten“ sind nun vorbei. Nun geht es in die Feinmechanik, um einige Dellen im Blech meines imaginären Iron Man-Kostüms zu entfernen. In meinem Fall weiß ich, dass einige Dellen dauerhaft sind, jedoch möchte ich ein bisschen Feintuning betreiben, soweit möglich. Einiges ist schon sehr lästig und anstrengend, wie u.a. die Polyneuropathie wegen der Nervenschäden durch die Chemos (…). 

Doch ich will hier nicht jammern, sondern die Sache positiv und proaktiv angehen, wie man so schön sagt. Immerhin haben mir die Ärzte mitgeteilt, dass weniger als 10 % der Patienten mit meiner Art der Leukämie nach der Stammzelltransplantation so ein gutes Ergebnis erreichen. (WOW!!!) 

Aber das war auch nicht ganz mein Iron Man-Moment. Den hatte ich bei einem onkologischen Feinmechaniker. Ich habe mir also einen niedergelassenen Onkologen hier in der Nähe gesucht und er hatte nach einer Blutuntersuchung festgestellt, dass mein Ferritin-Wert jenseits von Gut und Böse lag. Normalerweise läge dieser bei Männern meines Alters zwischen 34 und 310 ng/ml. Mein Wert lag bei knapp über 2000 ng/ml. Oha, dachte ich, nicht ganz 30-fach übers Ziel hinaus, bestimmt kein Weltrekord, aber immerhin wahnsinnig hoch. Und dann fragte ich, was denn eigentlich Ferritin sei.

Ferritin - ein super Protein - mit Eisen drin

Wenn ich es richtig verstanden habe, ist das Ferritin ein Protein, eine Art Depot für Eisen im Körper. Und da war er, der Iron Man-Moment. Leider ohne Eisen außen um den Körper herum, sondern innen, in mir drin. Schade, damit konnte ich bestimmt keine Superkräfte entwickeln. Vielleicht fehlte dazu nur noch eine radioaktive Spinne, die mir einen kleinen Biss verpassen musste. Wie eine Mischung aus Iron Man und Spiderman. Das wäre mal was neues! Es war aber keine Spinne in Sichtweite. Schade. Oder auch nicht. Nun gut. 

Wie konnte denn ein so hoher Eisenwert entstehen, fragte ich. Es kommt einerseits wohl von den vielen Bluttransfusionen, die ich während meiner Therapie erhalten hatte. Sofort dachte ich wieder an die Zeit auf der Isolierstation und erinnerte mich, wie oft mir Blutpräparate angehängt wurden. Teilweise fühlte ich mich damals wie ein Vampir auf Blut-Entzugstherapie (s. Dracula für Fortgeschrittene). Die Geschichte war zu diesem Zeitpunkt schon etwa dreieinhalb Jahre her. Jetzt war ich weg von den Blutpräparaten – Glück gehabt, bin jetzt kein Vampir mehr! 

Und die zweite Möglichkeit eines so hohen Ferritin-Werts ist, dass in meinem Körper noch eine versteckte Entzündung abläuft, von der ich oberflächlich nichts bemerkte. Hier ist mein neues (fremdes) Immunsystem doch noch etwas aktiv , weil es in einem fremden Körper steckt und erzeugt diesen hohen Wert.

Schaden kann das Ferritin in meinem Fall erst mal nicht, so der Arzt. Es sei aber wichtig, langfristig den Wert wieder in den normalen Bereich zu bekommen, damit keine Langzeitfolgen entstünden. Diese wollte ich erst gar nicht kennenlernen. Deshalb fragte ich gleich nach möglichen Ferritin-Beseitigungsmethoden. Es gäbe zwei Methoden, so der Onkologe. Die eine bedeutete wieder Tabletten zu schlucken, damit das Ferritin über die Leber abgebaut wird. Im Geiste strich ich diese Methode sofort. Pillen hatte ich schon genügend inhaliert. Ich hoffte auf die zweite Methode und dass sie nicht zu unangenehm wäre. Und die zweite Methode (Trommelwirbel): 

Der Aderlass!

HA! Geil, dachte ich, zurück ins Mittelalter. Immer wenn man damals nicht weiter wusste, rieten die Quacksalber zum Aderlass

Heute hingegen wird ein Aderlass nur sehr gezielt eingesetzt*. Die Zeiten des Nicht-Wissens und Ausprobierens sind dies bezüglich schon einige Zeit vorbei. Gerade so eine diffizile Angelegenheit wie meine vorangegangene Therapie beweist dies.

Nun gut, dachte ich, ein Piekser in den Arm finde ich besser als Pillen mit Nebenwirkungen schlucken. Der erfahrene Mediziner empfahl mir einen Aderlass mit je 300 ml alle drei Monate. So könne sanft der Ferritin-Überschuss abgebaut werden. Gesagt, getan – es wurde der erste Termin für die kommende Woche vereinbart. Nun führe ich ein Ferritin-Tagebuch.

Nur schade, dachte ich am Ende des Gesprächs mit dem Arzt, dass mit dem Aderlass die Möglichkeit Superkräfte zu entwickeln definitiv schwinden werden. Es war leider auch immer noch keine radioaktive Spinne in Bissweite. Die Praxis war einfach zu steril und taugt nicht als Lebensraum für radioaktive Labor-Spinnen. 

* Leider kann darf ich grundsätzlich kein Blut spenden. Das darf kein Krebspatient, da immer ein Restrisiko besteht, dass die eine oder andere Krebszelle noch im Blut vorhanden ist – auch bei geheilten Personen. Und wenn diese hypothetische Krebs-Zelle bei einem Empfänger einer Blutkonserve dann genau diesen Krebs auslösen würde, das wäre eine Katastrophe. Deshlab muss in meinem Fall das Blut „verworfen“ werden, wie es so schön heisst. 🙂

Und dies, Liebe Leserinnen und Leser, war eine Geschichte, wie ich ein weiteres Mal NICHT zu einem Superhelden geworden bin. Bis bald, bleibt gesund und lest die Fortsetzung im bald erscheinenden Kapitel…