Deniz und die Insel

Selten passiert es, dass lange geplante Geschichten plötzlich von aktuellen Ereignissen eingeholt werden. Heute (19.12.2017) ist so eine Ausnahme. Gestern Abend meldeten die Nachrichten, dass Mesale Tolu frei gelassen wurde. Sie ist eine deutsche Journalistin mit türkischen Wurzeln, die mit vielen anderen kritisch berichtenden Journalisten, wie z.B. Deniz Yücel, festgenommen wurde.

Station Holthusen, Zimmer 8: Während der Therapie wollte ich wissen, was in der Welt passiert. Per WLAN holte ich mir die Welt auf mein Tablet. Tagesschau und Heute Journal ließen mich aus dem Krankenbett seit Anfang 2017 fast live miterleben, wie die Festnahmewelle von Journalisten in der Türkei ihren Lauf nahm. Im Geiste war ich mit Deniz Yücel und den vielen anderen. Wie sich ein Gefängnisaufenthalt anfühlt, konnte ich seit knapp zwei Monaten nachvollziehen.

©Pixabay

So ein Zimmer auf der Isolierstation fühlte sich sehr ähnlich an. Nur war man nicht direkt eingesperrt. Der Unterschied lag darin, dass ich zu meinem eigenen Schutz auf der Isolierstation einsaß, oder besser ein-lag. Eine Abschirmung vor den Keimen der Außenwelt. Die Luft ist gefiltert und dadurch sehr trocken. Rachen, Atemwege und Haut leiden mit der Zeit sehr darunter. Es war eine Verbannung inklusive drohendem Todesurteil von oberster Stelle – der Evolution. Würden es die Mediziner schaffen, dass ich Darwins Selektionstheorie von der Schippe springen konnte?

Die Mutationen in meinen Blutstammzellen hatten Schritt für Schritt zu einer Leukämie geführt. Bei meiner Art der Leukämie wird unter anderem das Knochenmark mit krankhaft veränderten Zellen, den sog. Blasten, förmlich überschwemmt. Sie stören dadurch früher oder später lebenswichtige Vorgänge. Beispielsweise kann das Hämoglobin (die roten Blutkörperchen) nur noch unzureichend gebildet werden. Es sorgt bekanntermaßen für den Sauerstofftransport im Körper. Vor der Therapie waren bei mir hierfür Symptome erkennbar. Schon nach einem Stockwerk Treppensteigen war ich komplett aus der Puste. Ohne Eingriff der Onkologen hätte die Leukämie sehr kurzfristig zu einem lebensbedrohlichen Zustand in meinem Körper geführt.

Fast glaubte ich surreale Parallelen mit dem Schauspiel der Weltpolitik da Draußen zu erkennen. Allerlei Despoten kamen aus ihren Löchern und zettelten Streit und Krieg an – wie die Blasten in mir. Fast konnte der Eindruck entstehen, dass manche Führer gerne einen 3. Weltkrieg begonnen hätten – meine Blasten waren schon mitten drin, im totalen Krieg gegen meinen Körper. Hat man in so einer Situation überhaupt noch Lust, aus seinem keimfreien Gefängnis herauszukommen? Ich schaltete die Nachrichten-App auf dem Tablet ab und betrachtete meine trockenen Hände. Die Handrücken waren relativ braun, wie nach einem Urlaub am Strand, Unterarme, die geschwollenen Hobbitfüße und Beine auch. Selbst der Bauch, der sonst immer käseweiß war. Ja sogar meine Frau meinte scherzhaft einmal, ob ich ohne ihr Wissen im Urlaub gewesen sei.

Ursache für den Bräunungseffekt waren die Medikamente der Chemotherapie. Sie haben zusätzlich zur trockenen Luft auf der Station meine Haut angegriffen und stark geschwächt. Als Stressreaktion hatten die Pigmente der Haut reagiert, sie wurde Sommerbraun – zumindest für meine Verhältnisse – und sehr schuppig und ledrig. Die Pflegekräfte haben mir geraten, unbedingt meine Haut mehrmals täglich einzucremen. Na super, dachte ich, ich und eincremen. Aber die Pflegerin sprach immer weiter. Zudem sollte ich, wenn ich wieder nach Draußen darf, jedes Mal vorher an Händen und im Gesicht Lichtschutzfaktor 50 auftragen. Mindestens ein Jahr lang. Auch bei Wolken und Regen. UV-Strahlung kann die noch empfindliche Haut schnell schädigen. Und kein längerer Aufenthalt in direktem Sonnenlicht. Nicht zu heiß duschen. Vorsicht bei der Nutzung von Wärmflaschen. Lippenpflege ist auch sehr wichtig. Und, und, und.

©Leukofight

Als wieder Ruhe im Zimmer war, blickte ich aus dem Fenster und machte dieses Foto. Eine seltene malerische winterliche Stimmung. Sonst sieht der Blick nach Draußen immer sehr trist und karg aus. Hatte Deniz auch ein Fenster? Was, wenn er gar keins hat? Zum Verrückt werden. Und: Wie behielt er seinen Verstand in der Einzelhaft? Beim Blick auf meine „sonnengebräunte“ Haut dachte ich spontan: Eine Insel! Urlaub! Das könnte die Lösung sein. Vielleicht macht er in Gedanken Urlaub und begibt sich auf seine Insel. Liegt in der warmen Sonne, hört dem Wellenrauschen zu. Ganz entspannt. Und plötzlich befand ich mich dort. Am Strand. Welche Insel war das hier? Wo lag sie? Ich beschloss, es war meine Insel und taufte sie Holthusen, Zimmer 8.

Fortsetzung folgt am 9. Januar. Hier ein Jahresrückblick auf das turbulente 2017.

2 Antworten auf „Deniz und die Insel“

  1. Immer wieder faszinierend, traurig und auch sehr ergreifend und mitreißend deine Blogeinträge zu lesen. Bin in Gedanken oft bei Dir und, wie meine SBV-Kollegen sagen, als Sterblicher kann man sich das auch garnicht vorstellen, was es bedeutet Leukämie zu bekommen.

  2. Lieber Alex,
    gestern hat mir Sonja deine leukoflight-Daten geschickt. Jetzt hab ich mir alles durchgelesen und kann nur ein wehig erahnen, was Du bis jetzt durchgestanden hast. Doch ich bin voller Bewunderung ob Deines Umgangs mit der Krankheit. Ich kann mir gut vorstellen, dass Du damit anderen Betroffenen zu Energie zum Durchhalden verhilfst. Wie gut, dass du diesen blog schreibst, schreiben kannst.
    Von Herzen alles, alles Gute und in Gedanken unsere Unterstützung in Deinem/Eurem Kampf!
    Liebe Grüße auch an Ane
    von den Älblern Irmgard, Heiner und Stefanie

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