Hobbitfüße

J.R.R. Tolkiens Werk, der Herr der Ringe, gilt allgemein als erster Fantasy-Roman und somit als Ur-Werk einer neuen Gattung in der Literatur. Unter anderem spielt eine Art kleiner, menschenähnlicher Geschöpfe darin mit, die Hobbits. Sie haben für ihre Körpergröße ziemlich große und behaarte Füße und sind immer barfuß unterwegs. Außerdem sind sie auch bekannt für ihr ausgeprägtes Essverhalten und ihre Bierbraukunst.

Meine Frau titulierte meine Füße schon vor der Krankheit als Hobbitfüße. Naja, und gutes Essen und dazu ein leckeres Bierchen – wer mag das nicht? Nur bin ich mit 1,85 Meter definitiv zu groß für einen echten Hobbit. Dieses Argument zählt aber für meine Frau nicht. Jetzt, während der ersten Chemotherapie meinte sie sogar, dass meine Füße „schlimmer als Hobbitfüße“ aussehen. Ehrlich gesagt, in dem Zustand hätten sie wirklich keinen Schönheitspreis gewinnen können, vielleicht eher einen für Skurilität oder Deformation.

©Leukofight

In dieser ersten Chemotherapiephase erhielt ich begleitend Kortison, um Nebenwirkungen der Chemo-Präparate zu verringern. Dadurch wurde bei mir sehr viel Wasser in Füßen und Beinen eingelagert. Schätzungsweise sechs bis acht Liter. Wie ja schon bekannt ist, reagiert jeder Patient unterschiedlich auf Medikamente und Therapie*. Und laut der Pflegekräfte lagern im Vergleich zu mir die meisten nicht so viel Wasser ein, aber es gäbe in sehr seltenen Fällen sogar noch schlimmere Einlagerungen als bei mir. Entwässerungsmedikamente wurden mir in der Phase verwehrt, da schon die Chemo-Medikamente stark den Nieren zusetzten. Weitere Belastungen wollten die Ärzte in dem Moment meinen Nierchen nicht zumuten.

Dicke Backen machen, zu den dicken Beinen, half nicht. Die Ärzte ließen nicht von ihrem Kurs ab. War natürlich auch besser so. Nieren sind lebenswichtig! Da blieb mir keine Wahl. Ich musste warten. Am liebsten wäre ich in dem Moment wirklich ein Hobbit gewesen und hätte beim Warten standesgemäß einen (hobbit-)traditionellen deftigen 11 Uhr Imbiss gegessen und dazu selbstgebrautes Hobbit-Bier aus Mittelerde getrunken. Zufällig stolperte ich bei Wikipedia über den Eintrag der Elefantitis (<- dies ist ein Link, der angeklickt werden kann), weil ich irgendwas mit „Elefant“ gegoogelt hatte. Stimmt, dachte ich beim Betrachten der Fotos, die Pfleger haben recht, es geht noch schlimmer!

*Die Therapie, die bei mir angewendet wurde, kann grob in vier Abschnitte unterteilt werden. Zuerst wurden die akuten Symptome behandelt und eine Vorphase der Chemotherapie eingeleitet, die sogenannte Induktion. Hier kam es zu recht wenig Nebenwirkungen und meine Hoffnung war groß, dass es so bleiben sollte.

Zweite Phase, erste Chemotherapie, und schon kamen die unnötigen Nebenwirkungen mit starken Wassereinlagerungen, vor allem in den Beinen, ständig wechselndem Stuhlgang, häufigem Erbrechen, Gewichtsverlust, und vielem mehr. In der zweiten Phase kann man normalerweise für ein paar Tage nach Hause. Ich durfte leider nicht, wegen einer allergischen Reaktion auf ein Anti-Pilz-Mittel. Es wurde mir zwar nur vorbeugend gegeben, jedoch wollten die Ärzte nicht darauf verzichten, da meine Abwehrkräfte zu dem Zeitpunkt so gut wie nicht existent waren. 

Die dritte Phase war eine Hochdosis-Chemo plus Strahlentherapie zur Vorbereitung der Stammzelltransplantation. Das vorhandene krebsbehaftete Immunsystem wird hierbei systematisch zerstört, leider mit noch stärkeren Nebenwirkungen: Beispielsweise mit sich ablösendem Gewebe von den Schleimhäuten (sichtbar im Mundraum am Zahnfleisch, sehr schmerzhaft und eklig), gegen die Schmerzen wurde ein Morphinpräparat gegeben, Haarausfall, noch mehr Gewichtsverlust, Magen-Darm-Probleme, etc. Zu dieser Zeit musste ich für ein paar Tage künstlich über den Tropf ernährt werden, weil Schlucken nicht möglich war. Angeblich sei das recht üblich bei dieser Hochdosis-Therapie.

Die vierte Phase war die Stammzelltransplantation. Sie funktioniert ähnlich wie eine normale Blutinfusion. Nur wird man hierbei von Ärzten und Pflegepersonal mehrere Stunden lang überwacht, falls allergische Reaktionen, Abstoßungsreaktionen oder sonstige Komplikationen auftreten. Zu diesen Themen komme ich aber noch genauer in anderen Kapiteln.

Weiterlesen im nächsten Kapitel:

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