Per Anhalter durch die Reha

Marvin

Kennt Ihr Marvin? Damit meine ich nicht Marvin, meinen Bloggerkollegen von Instagram und Facebook (An dieser Stelle: Lieber Marvin, sei gegrüßt!). Nein, hier meine ich den gleichnamigen aber höchst depressiven Roboter aus der Science Fiction Satire „Per Anhalter durch die Galaxis“. Er hat den IQ der gesamten Menschheit, verrichtet auf einem Raumschiff aber lediglich die Aufgaben eines Dienstbotenjungen. Sein schweres Gemüt sorgt in der Geschichte für so manche sehr lustige und auch teilweise groteske Situation.

Die Verfilmungen von Per Anhalter durch die Galaxis sind im Übrigen meiner Meinung nach zwar auch sehr lustig, aber leider nur ein feuchter Abklatsch im Vergleich zu den Büchern. Wie so oft ist das Buch viel detailreicher, dramatischer, liebevoller und lustiger als die bisherigen Umsetzungen ins Bewegtbild. 

Roboter Marvin ist jedoch lediglich eine Nebenfigur in dieser fünfteiligen Romanreihe von Douglas Adams. Die Hauptfigur ist Arthur Dent, dem es zu Beginn der Geschichte mit Hilfe des Außerirdischen Ford Prefect gerade so gelingt, von der Erde zu fliehen, bevor sie gesprengt wird. Blöderweise muss die Erde Platz machen für eine geplante intergalaktische Umgehungsstraße. Und mit diesem plötzlichen Knall beginnt Arthur Dents unglaubliche Reise. So ähnlich wie die bekannte Welt von Arthur Dent plötzlich komplett auf den Kopf gestellt wurde, so ähnlich wurde auch meine Welt am Anfang meiner „Reise“ komplett auf den Kopf gestellt (s. Kapitel Frontalaufprall), nur war mein existentieller Kopfstand real und nicht ausgedacht.

Ähnlich wie die Abenteurer Arthur Dent und Ford Prefect wurden auch Thomas und ich während unserer Reha in Triberg von einer depressiven Gestalt begleitet. Unser „Marvin“ war allerdings kein Roboter, sondern ein Mensch, und Er war eine Sie, die wie Thomas und ich, eine Stammzelltransplantation hinter sich hatte. Dank fester Sitzplatzordnung im Speisesaal bekamen Thomas und ich dreimal täglich beim Essen ungefragt Jammer-Tiraden besagter Dame zu hören. Thomas und ich hatten den Eindruck, dass sie sich als die bemitleidenswerteste Person überhaupt sah, wie solle sie das alles nur schaffen und so weiter und so fort. Sie schien nicht zu bemerken, dass sie von Menschen umgeben war, die dasselbe durchgemacht hatten. Diese Art des auf sich selbst Fokussierens erinnerte mich an den Roboter Marvin. Er bemerkte durch sein Klagen und Jammern über die Ungerechtigkeit seiner minderwertigen Aufgaben oft auch nicht was um ihn herum gerade passierte. Und doch überlebte er sehr viele Untergangsszenarien, durch die er lethargisch und klagend wandelte.

Unsere Situation in der Reha war klar. Wir alle wurden auf die eine oder andere Art mit dem Ende der eigenen Existenz konfrontiert. Wir hatten und haben das Recht zu jammern, wenn es uns schlecht geht! Bitte genau lesen: WENN es uns schlecht geht. Denn im Grunde ging es uns zwar nicht gut, aber wesentlich besser als zu Zeiten der Stammzelltransplantation und der Chemos. (s. Schwarzes Loch und 90-60-90) Schlussfolgernd ging es uns den Umständen entsprechend gut.

Es schien einige sehr seltene Exemplare unter uns Überlebenden dieser extremen Torturen zu geben, die das Gefühl dafür verloren hatten, wann es ihnen besser geht, sie sich gerade nicht mehr in einer lebensbedrohlichen Situation befinden und eigentlich froh sein konnten, über den Berg zu sein. Sie jammern immer weiter, spontan und ungefragt, ähnlich wie Roboter Marvin. Trotz seines galaktisch großen IQs erkannte Marvin nicht, dass er eine Depression hatte und in der ersten Phase einer „Krankheits“-Bewältigung festsaß. In dieser sogenannten Schockphase wird üblicherweise die Krankheit verleugnet. Ich selbst bin mittlerweile durch so gut wie alle Phasen durch. Aber wer von Euch kennt alle fünf- Phasen schon genau? ….. Niemand?…. Das dachte ich mir. Deshalb habe ich Dr. Google gefragt und kann Euch nun einen kleinen Ausflug bieten in…

Die Phasen der Krankheitsverarbeitung

Bei einer Diagnose wie Krebs oder Leukämie durchleben wir Patienten unterschiedliche Phasen. Allgemein wird von vier Phasen der Krankheitsverarbeitung gesprochen (Quelle ist eine Seite von Novartis, die einiges gut erklärt, jedoch bei Einordnungen nicht ganz passgenau zu meinem Fall ist.) Diese Auflistung ist in meinen Augen auch nicht ganz vollständig, so habe ich eigenmächtig eine fünfte Phase hinzugefügt und auch bei einigen Phasen Abweichungen zu meinen Erfahrungen gefunden. Auch denke ich, dass jeder seine eigene Art der Verarbeitung hat, denn jeder denkt, handelt oder fühlt unterschiedlich. Nun, liebe Leser, beurteilt Ihr am besten selbst, ob Ihr Euch in „meiner“ Unterteilung wiederfindet oder evtl. noch mehr Phasen findet. Roboter Marvin hätte bestimmt eine Millionen Phasen.

Schockphase

Sie äußert sich laut besagter Internetquelle angeblich häufig durch Verleugnung.

Zu dieser Gruppe gehörte ich nicht! Ich hatte keinen Zweifel an der Diagnose Leukämie. Ich habe mich zuerst nur gefragt: „Warum ausgerechnet ich?“ Später stellte ich dann fest, dass die Wahrscheinlichkeit Krebs zu bekommen gar nicht so klein ist (s. Kapitel Externe Effekte)

Die Ärzte hatten mir meine Diagnose klar und transparent vermittelt. Und dann verfiel ich in den bezeichnenden „Schock“-Zustand. Damals stand ich vor dem existentiellen Abgrund. Würde ich überleben? Würde ich sterben? Das konnte mir zu Beginn niemand sagen. (Kapitel: Frontalaufprall und Horrorshow)

Reaktionsphase

Damit werden die mentalen Auswirkungen bezeichnet, wie etwa große Ängste oder Depressionen.

Zur Hölle, JA! Ich hatte Angst zu sterben, verdammt große! Zwar nicht durch Außerirdische, welche die Erde wegen einer galaktischen Umgehungsstraße in die Luft jagen wollten, aber durch eine akute, verkackte, Tod bringende Leukämie. (Kapitel: Schwarzes Loch)

Und die Tristesse der Krankenstationen und -zimmer drückte mir extrem aufs Gemüt. Ich konnte nicht raus, saß wie in einem Gefängnis fest. (Kapitel: Deniz und die Insel)

Reparationsphase

So wird die allmähliche Anpassung an die aktuelle Situation bezeichnet.

Die Phasen verliefen bei mir nicht so chronologisch, wie es diese allgemeine Unterteilung vorgibt. Meine Anpassung oder Reparationsphase begann zusammen mit der Reaktionsphase, direkt nach der Schockphase (wieder Kapitel Horrorshow). Ich persönlich betrachte diese allgemeinen Unterteilungen in Phasen etwas skeptisch, da einen Ängste und niederschmetternde Gedanken während und auch einige Zeit nach der Therapie immer wieder einholen und dann doch einiges parallel abläuft. In meinen Augen können die Reparationsphase und die folgende Phase der Neuorientierung schon längst begonnen haben, ohne dass die Reaktionsphase ganz abgeschlossen ist.

Phase der Neuorientierung

Sie bezeichnet ein Annehmen der neuen Lebensumstände und ein neues Selbstverständnis.

Meine Neuorientierung begann nach der stationären Therapie, als ich wieder aus dem Krankenhaus herausgekommen war. Ich hatte zwar nicht viele Kräfte, jedoch entdeckte ich mein altes Hobby wieder, die Fotografie, und zu meinem (Über-)Leben hatte ich eine neue Einstellung gefunden (s. Kapitel Bonuszeit). Körperlich konnte ich zu diesem Zeitpunkt keine großen Sprünge machen, so konzentrierte ich mich bei der Fotografie auf Motive, die mir quasi über den Weg liefen.

Bewältigung

Diese Phase ist nicht auf der oben genannten Ratgeberseite des bekannten Pharma-Riesens aufgeführt. Sie hat für mich aber einen hohen Stellenwert und geht bei mir Hand in Hand mit der Phase der Neuorientierung. Bewältigung bedeutet für mich unter Anderem das Bekämpfen von Ängsten. Während der Therapie durchschritt ich buchstäblich die Hölle! Ach was, es waren mehrere Höllen! Und nur eine dieser Höllen, die einen noch lange nach der Therapie begleitet, ist die Angst. Sie erzeugt immer wieder die durch den Kopf dröhnende Frage: Kommt mein Krebs, also die Leukämie wieder? Es gibt Momente, in denen überlagert diese Frage wirklich alles. Sie blockiert, entmutigt und deprimiert, raubt einem Kraft und Energie. Es ist schwierig gegen sie zu bestehen und sie in Schach zu halten. Aber es gibt Hilfen und Techniken gegen sie anzukämpfen: Z.B. Selbsthilfegruppen, Gespräche mit einem Psychologen, Tagebuch schreiben oder einen Blog (s. leukofight.de  ha, das ist ja der hier!) und vieles mehr!

Per Anhalter "reisen"

Richtig! Dieser Blog und dessen Gedankenwelt sind ein Teil meiner Bewältigungsstrategie. So kann ich gedanklich per Anhalter aus meiner Situation heraus und mental auf Reisen gehen – wie Ihr sicher bemerkt habt mache ich das gerne quer durch die Galaxis oder gar in Parallelwelten. 

Auch tausche ich mich regelmäßig und gerne mit anderen Krebsis und Krebsbloggern aus und erfahre so von deren Strategien. Das ist oft sehr hilfreich. Jede und Jeder hat für sich eine eigene Art der Bewältigung, eigene Bedürfnisse, was gut tut, was hilft und was nicht.

Nun sind wir an dem Punkt, an dem ich jene besagte klagende Tischnachbarin nicht verstand. Jede und Jeder von uns an den Tischen hatte in etwa die selbe Tortur durchgemacht. Alle hatten auch bis zum Punkt der Reha auf ähnliche Art besagte Phasen oder Stufen der Krankheitsbewältigung erfahren und individuell durchlebt. Man hat sich ausgetauscht, kurz geklagt, die Therapien verglichen und dann auch das Ganze abgehakt. Wir alle waren also auf einem ähnlichen Stand unseres Leidenswegs. Gegenseitiger Respekt und geteiltes Leid bildeten ein unsichtbares Band zwischen uns. Wir waren (mit wenigen Ausnahmen) zwar keine richtigen Freunde, aber irgendwie doch verbunden, eine Art verschworener Gemeinschaft. Wenn wir uns gegenseitig von unserem Leidensweg erzählten, verstanden wir uns untereinander sofort. Es waren keine Erklärungen nötig, die ein nicht Betroffener benötigt, um nach zu vollziehen, was in einem physisch und psychisch vor sich ging. 

Im Gegensatz zu uns hatte Roboter Marvin niemanden, mit dem er sein Leid teilen konnte. Und unsere Tischnachbarin bildete zu Marvin eine Parallele in der Realität. Ich fand es schade, dass die ununterbrochenen Klagen unserer Tischnachbarin (z.B. das Essen schmeckt nicht, die Kurse in der Reha taugen nichts, etc.) sie von uns distanzierten. Sie zerschnitt damit sinnbildlich das unsichtbare Band zu uns und schuf Distanz.

Nur in Deinem Kopf!

Passend zu dem Problem von Marvin und unserer Tischnachbarin habe ich dieses Bild gefunden:

https://i.pinimg.com/originals/7c/0c/a3/7c0ca3da61f5e930b77fec368883e04b.jpg

(Aus rechtlichen Gründen darf ich es hier nicht einbetten. Ihr könnt aber einfach auf den Link klicken.)

Dieses Bild sagt so viel. Aus meiner Leukämie hatte ich gelernt, dass die Lebenszeit sehr begrenzt sein kann und ich mehr auf mein Herz hören sollte. Es gibt viel wichtigere Dinge im Leben als die kleinen Probleme des Alltags. Gesundheit ist eines dieser wahnsinnig wichtigen Dinge, Lebensfreude, positiv in die Zukunft blicken. Ich hatte das Gefühl, dass es meinen Mitstreitern ähnlich ging. Die Ausnahme hiervon bildete unsere Tischnachbarin. Bei Ihr hatte die Leukämie scheinbar nicht das Durchschreiten oben genannter Phasen ausgelöst. Keine Reflexion über die eigene Existenz, das eigene Leben, die kostbare Zukunft…

Keine Panik!

„Keine Panik!“ heißt es öfter im Buch „Per Anhalter durch die Galaxis“. In der Geschichte gibt es sehr viele groteske aber auch zum Schreien lustige Situationen, die Ford Prefect und Athur Dent immer wieder dem drohenden Tod entrinnen lassen. So passiert es gleich zu Beginn der Geschichte: Als die Vorgonen, eine außerirdische Rasse von Bürokraten, die Erde wegen besagter intergalaktischer Umgehungsstraße sprengen wollen, nutzen Ford Prefect und Arthur Dent ein Gerät namens „Subraum-Äther-Winker“, um auf das Schiff der Vorgonen zu gelangen. Die beiden per Anhalter Reisenden entkamen so dieser bedrohlichen Situation.

Ein „Subraum-Äther-Winker“ ist quasi die intergalaktische Version eines Daumens, der zum Reisen per Anhalter hervor gehalten wird. Vorbeifliegende Raumschiffe nehmen so automatisch Reisende „per Anhalter“ auf.

Ganz ohne „Subraum-Äther-Winker“ und auch meist ohne „Panik“ entwickelten Thomas und ich unsere eigenen Strategien, den Klage-Monologen zu entkommen:

  • Verbale Diarrhö: Wir versuchten während der gemeinsamen Tischzeiten andauernd zu reden und sie nicht zu Wort kommen zu lassen. Im Idealfall redete der eine, während der andere aß und umgekehrt.
  • Die „zu Früh- oder zu Spät-Taktik“: Sehr früh oder sehr spät zum Essen erscheinen, damit möglichst wenig gemeinsame Zeit am Tisch entstand.
  • Improvisation mit Panik: Einige Male schoben wir Kurse oder Anwendungen vor, um dann doch spontan und panikartig vom Tisch zu verschwinden, wenn sich wieder ungefragt ein Monolog ankündigte. Dies klappte natürlich nur dann, wenn die Dame nicht die selben Kurse hatte wie wir.

Nennt uns böse oder intrigant. Die Wahrheit ist: Wir handelten zum Selbstschutz. Wer so viel Leid erfahren hatte wie wir, ersehnt bessere Zeiten und will wieder an den guten Seiten des Lebens teilhaben.

Per Anhalter aus der Reha

Ich für meinen Teil dachte immer wieder an den Subraum-Äther-Winker. Wäre es nicht klasse, ein solches Gerät zu besitzen und sich sofort aus der Reha an seine Traum- oder Lieblingsorte transportieren zu lassen? Vielleicht nach Australien oder auf die Bahamas, oder einfach nur endlich nach Hause in die eigenen vier Wände. Das wünschte ich mir sehr. Es waren ja auch nur noch wenige Tage bis zum Ende der Reha…

Das nächste Kapitel im LeukoFIGHT! folgt demnächst.

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