Körper versus Geist

Heute vor einem Jahr (am 23.5.2017) ist meine Mutter gestorben, während ich um mein eigenes Leben auf der Isolierstation kämpfte. Diese Geschichte ist Ihr gewidmet. 

Für Gerda Magdalena

„Mens sana in corpore sano“ – ein gesunder Geist in einem gesunden Körper. Vor über 2000 Jahren wurde von den Römern jener lateinische Ausspruch geprägt, der den Zusammenhang zwischen Körper und Geist manifestiert. Diese historische Weisheit wurde sehr lange von der Wissenschaft der vergangenen Dekaden ignoriert bzw. verneint. Es galt die Behauptung, dass der Geist, also die mentale Ebene, mit der körperlichen nichts zu tun hätte, oder es sich zumindest nicht „wissenschaftlich beweisen“ ließe. Ich hingegen möchte in diesem Kapitel das Gegenteil beweisen. (Zugegeben, in der letzten Dekade kommen aus unterschiedlichen Forschungsgebieten immer häufiger Ansätze, die unterschiedlichste Arten eines eventuellen Zusammenspiels von Körper und Geist untersuchen.) Belassen wir der Einfachheit halber die alten Argumente bestehen und schauen, worauf ich meine „neue“ Behauptung des Zusammenhangs begründe.

Wirkrichtung 1 - Körper gegen Geist.

Rückblick: Station Holthusen, unmittelbar nach der Diagnose

Im Kapitel Heldenreise ging es darum, dass ein Filmheld dramaturgisch häufig an einem persönlichen Tiefpunkt in die Geschichte eingeführt wird. Und so ähnlich hatte ich das auch kurz nach meiner Diagnose empfunden. Was passiert also mit dem Geist, wenn der Körper lebensbedrohlich erkrankt, wie etwa bei Krebs, oder in meinem Fall präziser: Leukämie?

Die Krebserkrankung brachte eine Zeit der Ungewissheit mit sich und verhieß am Ende vielleicht einen Abschied. Meine Frau und ich trauerten um das verloren gegangene unbeschwerte Leben, hatten existenzielle Ängste vor einer ungewissen Zukunft. Würde die Therapie erfolgreich sein? Ein Bangen zwischen Leben oder Tod.

Während der stationären Behandlung auf Station Holthusen war Trauer oder Verarbeitung der begleitenden mentalen Aspekte nicht möglich. Die Räumlichkeiten dieser Station, in der ich die ersten drei Monate verbrachte, hatten wirklich keinen Winkel des Rückzugs. Ich fühlte mich wie ein Gefangener und konnte nicht hinaus (s. Deniz und die Insel). Es gab keinen Raum auf der Station, in den wir, meine Frau und ich, uns zurück ziehen konnten. Auch wenn wir nur Händchen gehalten und dabei ein bisschen geweint hätten. Es hätte zumindest den Druck von der Seele genommen und sie ein wenig erleichtert. Im Patientenzimmer konnte ich unmöglich Blöße zeigen. Es ging einfach nicht, vor den Zimmernachbarn (oft mit anwesenden Angehörigen) Fassung und Anstand zu verlieren. Das war für mich zu privat. Und es waren die Störfaktoren des Krankenhausbetriebs zu groß: Nächtliche Blutabnahmen, fast unentwegt piepende Infusionsmaschinen, mehrmals täglich wurden die Zimmer geputzt, sehr häufig kam das Pflegepersonal zur Kontrolle, ebenso viele Male wurden Infusionen und Medikamente überprüft und ggf. erneuert, Arztvisiten, und vieles mehr. Meine Frau und ich hielten uns zurück, nahmen ungewollt Distanz zueinander auf. So baute jeder für sich eigene Schutzmauern auf, mit denen wir sehr lange zu kämpfen hatten und sie nur mühsam und stückchenweise einrissen.

Fazit – „Körper gegen Geist“: Die sich plötzlich auftuenden Abgründe hinterlassen in jedem mental noch so gesunden Geist deutliche Spuren! Ein kranker Körper beschädigt den Geist – und in diesem Fall nicht nur meinen eigenen.

Wirkrichtung 2 - Geist gegen Körper.

Rückblick: Station Löhr, 3 Wochen nach der Stammzelltransplantation.

Auch im zweiten Beispiel von meinen Erfahrungen passt ein Element der Dramaturgie ziemlich genau: Die sogenannte Katharsis. Sie stellt die „Höchste Prüfung“ dar (8. Stufe der Heldenreise) und ist eine Art Selbstreinigung durch übermächtig erfahrenes Leid.

Auf Station Löhr war die räumliche Situation aus medizinischen Gründen sehr viel entspannter. Wegen der dort stattfindenden Stammzelltransplantationen gibt es auf dieser Station fast nur Einzelzimmer. Denn nur so sind die Gefahren für Patienten minimiert, die ein neues Immunsystem erhalten. Und in so einem Einzelzimmer hatte ich gerade etwa einen Monat verbracht – also 7 Tage vor und 3 Wochen nach meiner Stammzelltransplantation. In der Regel dauert es nach einer Transplantation einige Zeit, bis die nötigen Werte (Leuko-, Thrombozyten und Hämoglobin) wieder steigen und von den neuen Stammzellen gebildet werden. Bei mir war gerade seit ein paar Tagen die Phase der steigenden Werte angebrochen. Ich freute mich schon darauf in die Außenwelt zurück zu kehren. Ab einem gewissen Wert an Leukozyten durfte ich die Isolierstation kurzzeitig für Spaziergänge verlassen. Und dann, am 23.5.2017 erreichte mich meine Katharsis: Die Nachricht vom Tod meiner Mutter. Sie ist an metastasierendem Brustkrebs gestorben. Tja, was soll ich sagen – mächtigster Tiefschlag ever!

Wenn ich mir eine Geschichte ausdenken würde, hätte ich Skrupel, einem Krebskranken auch noch eine an Krebs verstorbene Mutter an den Hals zu dichten. Das Leben selbst schreibt die härtesten Geschichten. Und die Auswirkungen dieser Nachricht zeigten sich an meinem eigenen Körper: Die folgenden vier Tage waren meine Blutwerte komplett im Keller und mein stationärer Aufenthalt wurde verlängert. Um bei der Definition zu bleiben – Selbstreinigung durch übermächtig erfahrenes Leid:  Die Schocknachricht, also das Leid, welches mein Geist verarbeiten musste „reinigte“ meine Blutwerte hinweg.

Fazit – „Geist gegen Körper“: In Filmen oder Geschichten geht der Held meistens aus solchen Situationen gestärkt hervor. Bei mir war genau das Gegenteil der Fall. Mich und meinen Körper hatte es ein paar Tage komplett umgehauen. Nach so einer Stammzelltransplantation ist es zwar durchaus üblich, dass besagte Werte schwanken. Nur Zeitpunkt und Stärke der Ausprägung sind in meinen Augen durchaus ein Beweis für Wechselwirkungen zwischen Körper und Geist.

Gedanken und Körper sind tiefer miteinander verzahnt, als ich es gedacht hätte. In diesen Tagen nach dem Tod meiner Mutter war ich am Tiefpunkt und konnte gar nicht mehr tiefer fallen.* Also blieb für mich logischerweise nur der Umkehrschluss übrig: Von jetzt an kann es nur noch bergauf gehen! Dieser Wirkmechanismus zwischen Körper und Geist muss auch in die positive Richtung funktionieren.

Beim Blick auf die (dramaturgischen) Stationen der Heldenreise war zwar eigentlich gerade erst die „Entscheidende Prüfung (Katharsis)“ hinter mir, nur fühlte ich mich – trotz aller Rückschläge – mehr nach dem „Ruf des Abenteuers“. Jetzt lag eine neue Welt vor mir: Die eigenen Grenzen schrittweise kennenlernen und erweitern und das Leben neu zurückerobern! Also nochmal alles auf Anfang: Ein Aufbruch ins zweite Leben!

LeukoFIGHT!

*Ok, theoretisch hätte ich auch sterben können, denn diese Therapie führt einen Patienten sehr sehr nahe am Tod vorbei. Nur wäre dies eher weniger wahrscheinlich gewesen, da meine Gesamtsituation in dieser Phase relativ stabil war.

Das nächste Kapitel erscheint in KW 23.