Ist Sport Mord?

Die bekannte Comic Figur Garfield von Jim Davis würde sofort zustimmen bei der Aussage: Sport ist Mord*. Garfields Top-Eigenschaften sind Faulheit und Trägheit. Und sein wahrer Sport ist Essen, am liebsten Lasagne oder Pizza oder beides, mit einem anschließenden ausgiebigen Verdauungsschlaf. Aktuell war ich immer noch auf der Isolierstation Löhr der Uniklinik Freiburg stationiert und wartete darauf, dass mein neues Immunsystem sich weiter aufbaute. Und während des Wartens schwirrte plötzlich einer meiner Kindheitshelden durch den Kopf: Garfield, der orange getigerte Comic Kater. Denn genau wie Garfield waren meine Hauptbeschäftigungen Essen und Schlafen. Im Gegensatz zu Garfield war ich nur extrem abgemagert, dank mangelnder Bewegung und Auswirkungen der Chemotherapie. Die Ärzte empfahlen mir daher eine sehr hochkalorische Variante der KMT-Diät. KMT kommt historisch von Knochenmarktransplantation als Oberbegriff für die einzuhaltenden Hygiene- und Diät-Vorschriften nach einer KMT oder SZT (Stammzelltransplantation). Und das waren sehr, sehr, sehr viele Regeln, wie ich im Laufe meines Aufenthalts erfuhr. Irgendwann schwirrte mir der Spruch „Fressen mit Hirn“ durch den Kopf. Denn bei dieser Diät liegt der Fokus auf der Vermeidung von in der Nahrung vorkommenden Keimen, die potentiell gefährlich in meinem immungeschwächten Zustand waren. Egal was ich zu mir nahm, ich musste die mir auferlegten Regeln befolgen. Sehr stark verkürzt: Es sollte alles gut durch sein, egal ob gekocht, gebraten, blanchiert, gedünstet, gebacken, Hauptsache die Kerntemperatur des erhitzten Essens lag etwas über 80°C. Das Essen sollte nach der Zubereitung auch nicht zu lange stehen; je länger, desto mehr Keime bildeten sich wieder. Verboten waren Schimmelkäse, Räucherware oder Luftgetrocknetes. Bei Frischem, wie Obst oder Salat, musste ich besonders vorsichtig sein, also nur essen, wenn es ultra frisch und peinlichst genau gewaschen wurde. Es waren so viele Regeln, dass es sogar einen kompletten Ratgeber von der Uniklinik als PDF gibt.

Solange ich noch stationär in der Klinik war, konnte ich es wie Garfiel machen: Einfach alles essen, was einem serviert wurde. Und eigentlich war das Essen in der Uniklinik nicht schlecht, für eine Großküche, in der täglich tausende Mahlzeiten zubereitet wurden und werden. Das Problem war nur, dass nach etwa drei Wochen der Speiseplan wieder von vorne begann, und mein Aufenthalt hatte insgesamt etwa fünfeinhalb Monate gedauert. Also gab es kulinarisch für mich nur Wiederholungen. Das ist beim Essen ähnlich wie beim Fernsehen – nur wenige Wiederholungen befriedigen beim zweitem Mal so wie beim ersten Mal.

Eigentlich lebt Garfield auch in einer Dauerschleife von Variationen von Essen, Schlafen oder sein Umfeld ärgern, und das seit etwas über 40 Jahren. Gesund kann das nicht sein. Aber als nicht reale Katze muss er keinen Gedanken an irgendwelche Gefahren seines Sport-ist-Mord und Alles-Essen-was-mir-vor-die-Nase-kommt-Lebenswandels machen. Herzinfarkt, Fettleber, Diabetes, etc. stellten in der Comic-Welt keine Gefahren dar.

Im realen Leben und im Gegensatz zu dem trägen Kater wollte ich wieder mehr Bewegung. Ich wollte wieder Treppen steigen ohne schnell aus der Puste zu kommen, und wenn, dann nur weil ich mehrere Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hochrannte. Ich wollte wieder Fahrrad fahren, joggen, Squash spielen, Wandern, aus eigener Kraft in die Welt hinaus…

…Und vier Wochen später war es dann so weit. Die ersten Schritte nach meinem Martyrium zurück in die Außenwelt. Meine Werte waren endlich so gut, dass ich bald entlassen werden konnte (trotz dem Rückschlag aus Körper versus Geist). Erste Station auf meinem Weg nach draußen: Die Anschlussheilbehandlung (landläufig auch Reha genannt) in Triberg. Hier erfuhr ich, dass Garfield komplett falsch lag! Sport ist nicht Mord! Im Gegenteil: 

„Bewegung ist Leben!“

Genau diesen Slogan hat die Triberger Reha-Klinik zu ihrem Leitspruch erkoren. Er begrüßte mich bereits bei meiner Ankunft über dem Eingang prangend. Und er wird jedem Patienten sprichwörtlich ins Gedächtnis gemeisselt. Diese kleine Gehirnwäsche fiel bei mir auf fruchtbaren Boden. Wer sich an meine gefühlte Mount Everest Besteigung im Kapitel 90-60-90 erinnert, weiß warum. Es fühlte sich fast schon nach einem Wink des Schicksals an.

Überall in der Klinik fanden sich Hinweise zur körperlichen Betätigung. Auf den Absätzen der Treppenstufen standen Informationen zum Energieverbrauch beim Treppensteigen oder beim Fenster Putzen, oder, dass man, falls möglich, auf den Aufzug verzichten und lieber die Treppe nehmen solle. Jetzt wußte ich, wo Garfields Hölle war.

Die allgegenwärtigen Informationen wirkten auf mich zuerst recht penetrant. Dann aber erhielt ich in Vorträgen den theoretischen Hintergrund dazu, der mir die Wichtigkeit von körperlicher Betätigung klar machte:

Die Kurzfassung: Das Rückfallrisiko bei Krebs wird stark reduziert!

Jede Krebsart birgt ihre eigene statistische Wahrscheinlichkeit eines Rückfalls. Wer so eine Therapie durchlebt hat, verzichtet gerne auf ein weiteres Mal. Zumindest war und ist dies meine Einstellung dazu. Und körperliche Betätigung (!!!nicht nur Sport!!!) vermindert nachweislich das Rückfallrisiko. Bei Bewegung wird das Immunsystem angekurbelt, Hormone werden ausgeschüttet, der Körper wird widerstandsfähiger und so weiter. Nebenbei erwähnt, verringert Bewegung auch bei gesunden Menschen die Wahrscheinlichkeit, dass überhaupt Krebs entsteht. *wink mit dem Zaunpfahl*

In verschiedenen Vorträgen wurde zu diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen ein theoretisches Gebäude aufgebaut, in dem jeder für sich sein eigenes Maß an körperlicher Betätigung auswählen konnte. Das Grundrezept baut auf den sogenannten metabolischen Einheiten (MET)** auf. Vereinfacht sagen die MET aus, wieviel Energie der Körper außerhalb des Ruhepulses verbraucht hat. Und im Idealfall sollte man während einer Woche zwischen 35 und 45 MET durch körperliche Betätigung gesammelt haben.

(Wir haben auch sehr viel über „DIE richtige Ernährung nach Krebs“ erfahren. Kurz gesagt: Es gibt sie NICHT! Aber es gibt leider viel zu viele Scharlatane, Paranoiker und Prediger auf diesem Gebiet; auch solche, die geschickt Studien heranziehen und bewusst falsch oder nur halbe Wahrheiten zitieren. Mein Tipp: Hört auf Euren Körper, Euren Verstand und im Zweifelsfall auf Euren spezialisierten Onkologen! Jeder Krebs ist anders. Und ich wette ganz unwissenschaftlich, dass das auch beim Thema Ernährung zutrifft.)

Zum Thema MET kursieren im Internet viele Listen , deren Inhalte sich in etwa ähneln. Aus Zeitgründen konnte ich deren Quellenangaben nicht genau überprüfen, jedoch scheinen sie plausibel:

Universität Wien – eine interessante MET Liste, seltsamer Weise wird sie im Zusammenhang mit der Isolationsfähigkeit von Kleidung verknüpft.

Novafeel GmbH – würde ich auf den ersten Blick als eine Art Diät-Firma einstufen, ähnlich wie Weight Watchers.

My-Myracle scheint ein Ernährungsportal zu sein und hat auch ähnliche Werte in dessen MET-Liste wie die beiden vorangegangenen Beispiele.

Das statistische individuelle Rückfallrisiko kann beim Sammeln von besagten 35-45 MET pro Woche um etwa 30 bis 40 % gesenkt werden. Wer mehr MET sammeln möchte, kann das gerne tun, nur bringen METs über 45 pro Woche einen vergleichbar sehr viel geringeren Effekt, als die vorher geleisteten. Leider flacht die Kurve in diesem Bereich stark ab.

Zwei Beispiele zur Veranschaulichung

Fall 1 – nehmen wir folgende Werte als gegeben an: 

40 MET/Woche werden konstant gesammelt; Rückfallrisiko dieser Beipiel-Krebsart liegt bei 30%; als Effekt der 40 MET/Woche sinkt das Rückfallrisiko um 30%.

In diesem Fall würde das 30 % Rückfallrisiko um 30% gesenkt, real also um 9% auf 21% sinken.

Fall 2 – mit folgenden Werten:

40 MET/Woche; Rückfallrisiko bei 5%; Effekt der MET liegt wieder bei 30%.

Hier würden 5% Rückfallrisiko um 30% gesenkt, also absolut auf 3,5%.

Ihr seht also, je höher das Rezidiv-Risiko (Rückfallrisiko), desto stärker ist der Einfluss von körperlicher Bewegung. Mein individuelles Rückfallrisiko kann nicht genau bestimmt werden, da ich zwar eine bekannte Leukämieart hatte, jedoch mit ein paar genetischen Besonderheiten, bei deren Kombination die Ärzte das Risiko nicht genau bestimmen können. Grob geschätzt sollte mein Rezidivrisiko unter 10 % liegen. Auch wenn der Einfluss meiner körperlichen Aktivität eher gering ausfällt, will ich doch alles erdenkliche tun, um nicht noch einmal durch diese Hölle gehen zu müssen. 

Dies ist meine Kampfansage an meinen inneren Schweinehund! Goodbye Müßiggang, Goodbye Garfields Lebenswandel***, Ring frei für viele weitere Runden im LeukoFIGHT!

* Der Spruch Sport ist Mord (im Englischen: No Sports) wird landläufig Winston Churchill zugesprochen, da er angeblich Zigaretten rauchend und sportliche Betätigung verachtete. Immerhin wurde er 91 Jahre alt. Laut Wikipediaeintrag gibt es jedoch keine Belege dafür, die Churchill mit diesem Spruch verbinden. Er soll sogar leidenschaftlicher Reiter gewesen sein. Also doch kein Sportverächter?

** (MET) Wissenschaftlich korrekt ausgedrückt, spricht man vom Metabolischen Äquivalent. Dieser Begriff ist für mein Empfinden noch abstrakter. Deshalb habe ich ihn nur hier in der Fußnote mit Link erwähnt.

*** Auf Garfields durchtriebenen Humor und seine Geschichten werde ich aber niemals verzichten!

Das nächste Kapitel im LeukoFIGHT! folgt im November.